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Getrieben vom Wetter…..

Sonntag, 11. September 2011

Nachdem Fabi und ich zuerst eine 2 1/2 tägige Hüttentour im Ötztal geplant hatten, treibt uns das Wetter doch weiter nach Süden als gedacht. Alternativen haben wir genug im Kopf und der einzig begrenzende Faktor ist, dass wir beide Montag früh auf der Arbeit stehen müssen.

Schöner Trail im Wald

Hidden

Nachdem ich einen sehr entspannten Freitag in Garmisch und Umgebung ohne Bike verbracht hatte, treffe ich mich am Freitag Abend mit Fabi. Ich habe eine Woche zuvor mein neues Bike aufgebaut und es soll sich seine Sporen verdienen! Der ständige Check der verschiedensten Wetter-Apps bringt leider keine Wetterbesserung sondern lässt uns nur eine Option: Den Weg nach Süden. Daher beschlossen wir unsere Tour mit Hüttenübernachtung einzudampfen und den Samstag im Vinschgau zu verbringen. Doch der Blick aus der Heckklappe am nächsten Morgen bringt erst einmal Ernüchterung. Schlechtes Wetter bei uns, richtig schlechtes Wetter nördlich des Hauptkammes und die vage Hoffnung, dass es im Süden besser ist. Daher entschließen wir uns noch weiter nach Süden bis Kalten an der Weinstraße auszuweichen. Je weiter wir nach Süden kommen, desto besser wird das Wetter. Die Vorfreude steigt! Die ersten Höhenmeter spulen wir routiniert und bester Verfassung in der Schrägseilbahn ab und bahnen uns unseren Weg entlang der verschlungenen Wege in Richtung Süden. Doch das Wetter ist uns nicht ganz so hold. Kurz vor Erreichen der anvisierten Brotzeithütte erwischt uns ein kräftiges Sommergewitter. Da wir noch eine Höhe zu erklimmen haben und eine exponierte Freifläche bis zur Hütte queren müssen, entschließen wir uns im Regen auszuharren. Die Bikes stellten wir in sicherer Entfernung unter anderen Bäumen ab. Als das Gewitter direkt über uns tobt, der Regen auch durch das dickste Geäst tropft und das Wasser im kleinen Bächen durch unsere Schuhe läuft, sind wir ganz froh darüber unsere Eisensammlung nicht bei uns zu haben. Das Gewitter zieht trotz einiger in der Nähe einschlagenden Blitzen weiter und nach einer herrlichen Polenta auf der Hütte rollen wir zum Einstieg.

Die ersten Meter sind nass, rutschig und mit Wurzeln gespickt. Aber jeden Meter den wir tiefer kommen wird uns wärmer und wir kommen besser in Schwung. Steile Wiesen und Schuttreisen wollten gequert werden, enge Spitzkehren wechseln mit flowigen Abschnitten. Der abwechslungsreiche Charakter des Trails bestätigt uns, dass sich die lange Anfahrt gelohnt hat. Wir sind ganz allein auf dem abgelegen Trail und freuen uns über jede gefahrene Stelle und genießen den Sonne-Wolken Mix.

Wiesentrail

Just around the corner

Weiter unten wird der Trail schneller und auch einige Gegenanstiege warten auf uns. Wer erfindet endlich eine Sattelstütze mit ausreichend Hub und Kabelanschlag am Schnellspanner? Aber auch ohne die Stütze fliegt mein neues Radl die Berge hinauf. Nachdem ich vorher nur noch meinen Downhiller zum Fahren hatte, fühlt es sich jetzt an, als würde die Kiste alleine beschleunigen.

Unten im Tal wird der Trail noch einmal deutlich technischer. Steile Stufen mit viel losem Gestein und rutschigem Lehmboden fordern noch einmal volle Konzentration. Die schwüle Luft treibt mir den Schweiß aus den Poren und der Camelbak wird immer leerer. Nach einem Jahr Abstinenz vom Biken fühlt sich viel noch ungewohnt an und ich bin mit ausgepumpten Unterarmen froh endlich unten anzukommen. Den Weg zurück zum Auto wollte ich eigentlich noch mit ein paar netten Trails garnieren, aber ich verpasse den Einstieg und so bleiben uns nur ein paar langweilige Forst- und spaßlose Karrenwege. Trotzdem haben wir am Auto deutlich über 1200hm auf der Uhr stehen und das zusätzlich zu den ca. 850hm die wir mit der Bahn gemacht haben. Eine schöne Tour!

Zurück im Vinschgau beschließen wir noch einen Feierabendtrail einzubauen und wir genießen den Sonnenuntergang auf den Berghängen oberhalb der endlosen Obstplantagen. Zum Abendessen gibt es Radler, leckere Pizza und wir sind uns sicher: Feierabend ist was feines – Ronny Trettman hat recht!

Wiese

Feierabend!

Tragepassage

Carry on!

Der nächste Morgen beginnt früh für uns. Wir wollen zeitig von Sölden aus Starten und möchten nicht von der Entourage der Ötztal Radmarathons aufgehalten werden. Bei -2° überqueren wir das Timmelsjoch und befinden uns bis ca 1700 Höhe im Schnee. Die Luft ist nach dem Unwetter des letzten Tages glasklar und wir wir starten mit kalten Fingern und müden Beinen. Die Forststraße windet sich die Berghänge hinauf und mir vergeht schnell die Lust am Treten. Ich schiebe und Fabi ist nach kurzer Zeit aus meinem Blickfeld verschwunden. So stapfe ich durch die langsam erwachenden Wälder in welche die Sonne mit Schnee und etwas Nebel eine mystische Atmosphäre zaubert. Ich bin froh, als wir die ersten Hütten erreichen und ich mit einer Dose Red Bull und etwas Schinken aus dem Vinschgau mir etwas Kraft einverleibe. Die ersten 500hm sind geschafft und die restlichenHöhenmeter des Tages sind fast nur zum Tragen geeignet. Aber es ist ja früh am morgen und ich lasse mir von den Zahlenspielen nicht die gute Laune verderben. Also das Bike auf den Rucksack gelegt und los geht’s! Die kühle Luft und die phantastische Aussicht lassen die Höhenmeter leichter erscheinen. Aber gerade der letzte Aufschwung zur Hütte hat es in sich!

Als wir endlich an der Hütte ankommen begrüßen uns sehr verwundert dreinblickende Gäste und ein sehr freundlicher und interessierter Hüttenwirt. Nach den üblichen Erklärungen über das Warum und Weshalb bekommen wir noch eine Hüttenführung (Wir dürfen sogar die Schuhe anlassen – wo gibt’s denn sowas noch!) durch die vermutlich sauberste Hütte im ganzen Alpenraum. Nicht nur die gute Küche sondern auch die unglaublich Aussicht lassen uns noch etwas länger verweilen als geplant!

Panorama

Ötztal mit Puderzucker

Wir machen uns fertig und die Gäste bringen sich in Stellung um zu beobachten wie man hier oben Fahrrad fahren kann. Es geht sogar ganz gut und die folgenden Meter sind wir unter permanenter Beobachtung. Weiter in Richtung Tal wird der Weg weniger felsig und erlaubt es das Tempo zu steigern. Immer mit Blick auf die Uhr und den Höhenmesser fahren wir dem Tal entgegen. Wir haben ja erst die erste Hälfte unserer Tagesetappe geschafft. Über extrem rutschige Wurzeln und ein paar Schneeflecken bahnen wir uns unseren Weg. Mit einem beherzten Sprung von der Holzbrücke biegen wir zum nächsten Wirtshaus ab um uns für die bevorstehenden 1200hm Tragepassage zu stärken.

F L O W

F L O W

Drückerkolonne

Drückerkolonne

Nach der Pause geht der Weg recht steil bergan und wir gewinnen schnell an Höhe. Die Weg/Zeitberechnung macht uns schnell klar, dass wir mit der Abfahrt wohl in die Dämmerung kommen werden. Aber egal, denn der Blick auf Zuckerhütl und Wildspitze entschädigt auf langen Passagen des Anstiegs für die Strapazen und wir sind für die Dunkelheit gerüstet. Nach etwas mehr als der Hälfte merken wir deutlich, dass wir schon ein paar Höhenmeter in den Beinen haben. Die letzte Pause am See gibt Kraft und motiviert noch einmal für die letzten steilen Passagen. Auch wenn es von unten betrachtet den Eindruck erweckt, dass man nicht gehender Weise durch diese Felsen gelangen kann, so überrascht einen die Wegführung jedes Mal aufs neue. Wie viel Arbeit ist für diesen Weg aufgebracht worden? Ich steige über die letzten Felsen hoch auf das Plateau und bin wie beim ersten Mal über die Schönheit der Hütte beeindruckt. Ein tolles Werk und wenn man sich die Umstände der Bauzeit vor Augen führt, so beeindruckt es noch mehr. Das Stahlkabel, dessen Weg wir im Aufstieg mehrfach gekreuzt haben, ist noch das Originalkabel mit dem Baumaterial aus dem Tal hinauf geschafft wurde. Heute muss der Hubschrauber kommen und der Hüttenwirt ist mit der Lastenkraxe unterwegs um für frische Lebensmittel zu sorgen.

Sunset

Sunset

Eine große Portion Spaghetti bereitet uns auf die Abfahrt vor und die erstem Meter lassen wir im Abendwind hinter uns. Leider fehlt uns wegen der sich senkenden Sonne die Zeit um viel zu probieren und wir müssen tiefer auf die einfacher zu fahrenden Wege kommen. Die Sonne beginnt hinter den Bergen der Umgebung zu verschwinden und der Abendhimmel spiegelt sich in den Seeoberflächen. Abende in den Bergen sind einfach beeindruckend! Der Trail gewinnt an Flow, auch wenn immer wieder Stellen auftauchen, die die volle Konzentration erfordern. In einem schnelleren Stück will ich es etwas laufen lassen und durch einen Fahrfehler befinde ich mich plötzlich deutlich vor meinem Vorderrad. Ich rolle zwar ab, kicke das Rad dabei jedoch in hohem Bogen den Hang hinunter. Während ich die 40hm absteige um es zu bergen, macht Fabi die Helmlampen startklar. Das Rad hat zwar einiges abbekommen, doch ich kann die Tour zum Glück noch zu Ende fahren. Im hellen Schein unserer Lampen fahren wir gen Tal und treffen in Sölden auf die letzten Rennteilnehmer des Ötztal-Marathons. Am Auto angekommen freue ich mich über eine schönes Wochenende in den Bergen, dass wir perfekt genutzt haben! Auch Fabi sieht so aus, als hätte er morgen auf der Arbeit ein paar schöne Erinnerungen. Ich habe jetzt noch ein paar Autobahnkilometer vor mir, aber die sind es definitiv Wert gewesen. Der nächste Freitag kann kommen!

 

Alle Bilder ©Fabian Gleitsmann

Eine Sonntagstour

Dienstag, 7. Juni 2011

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Lange habe ich mich daran festgehalten, dass diese Tour nur mit Skiern im Frühjahr lange und anstrengend ist. Im Sommer mit dem Fahrrad muss der Gipfel ja viel niedriger sein. Bekanntlich liegt im Winter mehr Schnee auf den Bergen als im Tal, was die Höhendifferenz zweifelsfrei vergrößert. Und deshalb muss die Tour im Sommer kürzer sein. Viel kürzer. Mindestens. Mit dieser und anderen ähnlich sinnbefreiten Betrachtungen beschäftige ich mich während ich in kleinen Schritten Richtung Gipfel stapfe.
Der Schweiß tropft mir von der Stirn, der Gipfel, obwohl schon lange in Sicht, erscheint immer noch in weiter Ferne, als ob er uns foppen wollte. Was im Frühjahr eine lange Skitour ist, ist im Sommer ein ewiger Hatscher über Geröll und Felsen. Mein Radl auf dem Rücken macht die Sache auch nicht leichter und zu allem Überfluss bleibe ich mit diesem Sperrgut immer wieder an den Latschen hängen.
Tobi und die Biker-Hiker Martin “Maschtl” und Felix aus Innsbruck sind mittlerweile ein gutes Stück voraus. Maschtl, der anfangs etwas von seiner erst vor wenigen Stunden beendeten Feier eingebremst wurde, scheint seinem Kater erfolgreich davon zu laufen und marschiert munter bergauf. Ist eigentlich kein Wunder, denn er hat auch am wenigsten Gepäck dabei, wie er beim Ausladen aus seinem Auto und dem folgenden Ausrüstungscheck bemerkte.
Irgendwann erreichen wir den Rücken, der steil zum Gipfel hoch führt und schleppen uns und unsere Räder die letzten Meter zum Kreuz empor.

Gipfelrast

Am Gipfel suchen wir uns eine windstille Ecke um uns von den Anstrengungen des Aufstiegs wenigstens etwas zu erholen und alle verbleibenden Kräfte für die Abfahrt zu mobilisieren. Steiles Gelände verbunden mit groben, losen Geröll verspricht eine nicht gerade kräfteschonende Abfahrt.

Die eine oder andere Felspassage unterhalb des Gipfels lädt mit gutem Grip zum Spielen ein, so zieht der Weg über viele Stufen und Kehren hinunter in die Latschenzone. Dort ist dann Schluß mit lustig – oder lustig beginnt da erst so richtig. Je nach persönlicher Fasson.

Für mich ist das ganz einfach: wild entschlossen trage ich mein Fahrrad die Stufen hinunter, packe meine Kamera aus, suche eine interessante Perspektive und harre der Dinge die da kommen.
Diese „Dinge“ sind natürlich meine Mitfahrer, die weiter oben noch etwas Zeit brauchen „eine Stelle zu knacken“. „Eine Stelle knacken“ bedeutet, dass man sein Radl solange wieder den Berg hochträgt, bis die jeweilige Passage ohne mit einem Fuß den Boden zu berühren gemeistert wurde. Und dann gibt’s natürlich noch verschiedene Linien, die probiert werden müssen. Manche Stellen sind besonders hartnäckig, und lassen sich erst ab dem 30igsten Versuche aufwärts erweichen. Kurioserweise behauptete Tobi nach der Tour immer noch, dass das 1.600hm gewesen wären. Nee Tobi, für dich waren das 3.000 hm – mindestens. Davon entfallen „gefühlte“ 1.000 hm auf eine extrem renitente S-Kurve in einer Felsrinne, die sich arglistigerweise immer wieder der fehlerfreien Befahrung entzog. Für mich war das ein Segen. Tragenderweise schaffte ich die Passage gleich beim ersten Mal und durfte mich dann mit meiner Kamera ins Gras legen.

90 Grad nach links und dann gleich wieder 90 Grad nach rechts

Renitente S-Kurve: gleich hat Tobi diese geschafft

Bekanntlich ist Hinterradversetzen als Methode der Richtungsänderung abzulehnen. Schon alleine aus ästhetischen Gründen. Welchem Zeitgenossen ist der Anblick eines stoppenden Radfahrers zuzumuten, der sein Hinterteil und -rad durch die Lüfte führt um dann stoßweise 20 cm weiter zu rollen nur um dann wieder seinen Hintern zu liften? Dies ist nicht nur ein optisches Fiasko, sondern weist diesen Fahrer als Ignoranten des angesagten Styleguides aus. Hinterrad versetzen in den Bergen wirkt wie eine Horde Stöcke-klappernder Nordic Walker auf einer olympischen Aschenbahn. Doch manchmal lässt sich dieser unwürdige Schlenker nicht vermeiden, und wenn auch nur deshalb, weil der doofe Fotograf dem Vorderrad den Weg verstellt:

Tobi im "Nahkampf" mit den Brocken

Irgendwann ist der Camelbag leer, der letzte Riegel gegessen, die Speicherkarten voller Bilder und wir weitgehend ko. Ein glücklicher Zufall, dass da am Weg eine Hütte liegt. Was gibt’s schöneres als nach alle dem ein Stopp auf einer Hütte mit einem freundlichen Hüttenwirt, der sich interessiert die Tour erklären läßt? Wow, da kommen wir doch gerne wieder! Brotzeit und Getränke kaufen wir hier gerne. Erstens ist das lecker und zweitens haben wir dann weniger zu schleppen.

Felix in einer der letzten Blockstellen durch die Latschen

Felix in einer der letzten Blockstellen durch die Latschen

Text und Foto: Thomas Rychly