Eine Sonntagstour

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Lange habe ich mich daran festgehalten, dass diese Tour nur mit Skiern im Frühjahr lange und anstrengend ist. Im Sommer mit dem Fahrrad muss der Gipfel ja viel niedriger sein. Bekanntlich liegt im Winter mehr Schnee auf den Bergen als im Tal, was die Höhendifferenz zweifelsfrei vergrößert. Und deshalb muss die Tour im Sommer kürzer sein. Viel kürzer. Mindestens. Mit dieser und anderen ähnlich sinnbefreiten Betrachtungen beschäftige ich mich während ich in kleinen Schritten Richtung Gipfel stapfe.
Der Schweiß tropft mir von der Stirn, der Gipfel, obwohl schon lange in Sicht, erscheint immer noch in weiter Ferne, als ob er uns foppen wollte. Was im Frühjahr eine lange Skitour ist, ist im Sommer ein ewiger Hatscher über Geröll und Felsen. Mein Radl auf dem Rücken macht die Sache auch nicht leichter und zu allem Überfluss bleibe ich mit diesem Sperrgut immer wieder an den Latschen hängen.
Tobi und die Biker-Hiker Martin “Maschtl” und Felix aus Innsbruck sind mittlerweile ein gutes Stück voraus. Maschtl, der anfangs etwas von seiner erst vor wenigen Stunden beendeten Feier eingebremst wurde, scheint seinem Kater erfolgreich davon zu laufen und marschiert munter bergauf. Ist eigentlich kein Wunder, denn er hat auch am wenigsten Gepäck dabei, wie er beim Ausladen aus seinem Auto und dem folgenden Ausrüstungscheck bemerkte.
Irgendwann erreichen wir den Rücken, der steil zum Gipfel hoch führt und schleppen uns und unsere Räder die letzten Meter zum Kreuz empor.

Gipfelrast

Am Gipfel suchen wir uns eine windstille Ecke um uns von den Anstrengungen des Aufstiegs wenigstens etwas zu erholen und alle verbleibenden Kräfte für die Abfahrt zu mobilisieren. Steiles Gelände verbunden mit groben, losen Geröll verspricht eine nicht gerade kräfteschonende Abfahrt.

Die eine oder andere Felspassage unterhalb des Gipfels lädt mit gutem Grip zum Spielen ein, so zieht der Weg über viele Stufen und Kehren hinunter in die Latschenzone. Dort ist dann Schluß mit lustig – oder lustig beginnt da erst so richtig. Je nach persönlicher Fasson.

Für mich ist das ganz einfach: wild entschlossen trage ich mein Fahrrad die Stufen hinunter, packe meine Kamera aus, suche eine interessante Perspektive und harre der Dinge die da kommen.
Diese „Dinge“ sind natürlich meine Mitfahrer, die weiter oben noch etwas Zeit brauchen „eine Stelle zu knacken“. „Eine Stelle knacken“ bedeutet, dass man sein Radl solange wieder den Berg hochträgt, bis die jeweilige Passage ohne mit einem Fuß den Boden zu berühren gemeistert wurde. Und dann gibt’s natürlich noch verschiedene Linien, die probiert werden müssen. Manche Stellen sind besonders hartnäckig, und lassen sich erst ab dem 30igsten Versuche aufwärts erweichen. Kurioserweise behauptete Tobi nach der Tour immer noch, dass das 1.600hm gewesen wären. Nee Tobi, für dich waren das 3.000 hm – mindestens. Davon entfallen „gefühlte“ 1.000 hm auf eine extrem renitente S-Kurve in einer Felsrinne, die sich arglistigerweise immer wieder der fehlerfreien Befahrung entzog. Für mich war das ein Segen. Tragenderweise schaffte ich die Passage gleich beim ersten Mal und durfte mich dann mit meiner Kamera ins Gras legen.

90 Grad nach links und dann gleich wieder 90 Grad nach rechts

Renitente S-Kurve: gleich hat Tobi diese geschafft

Bekanntlich ist Hinterradversetzen als Methode der Richtungsänderung abzulehnen. Schon alleine aus ästhetischen Gründen. Welchem Zeitgenossen ist der Anblick eines stoppenden Radfahrers zuzumuten, der sein Hinterteil und -rad durch die Lüfte führt um dann stoßweise 20 cm weiter zu rollen nur um dann wieder seinen Hintern zu liften? Dies ist nicht nur ein optisches Fiasko, sondern weist diesen Fahrer als Ignoranten des angesagten Styleguides aus. Hinterrad versetzen in den Bergen wirkt wie eine Horde Stöcke-klappernder Nordic Walker auf einer olympischen Aschenbahn. Doch manchmal lässt sich dieser unwürdige Schlenker nicht vermeiden, und wenn auch nur deshalb, weil der doofe Fotograf dem Vorderrad den Weg verstellt:

Tobi im "Nahkampf" mit den Brocken

Irgendwann ist der Camelbag leer, der letzte Riegel gegessen, die Speicherkarten voller Bilder und wir weitgehend ko. Ein glücklicher Zufall, dass da am Weg eine Hütte liegt. Was gibt’s schöneres als nach alle dem ein Stopp auf einer Hütte mit einem freundlichen Hüttenwirt, der sich interessiert die Tour erklären läßt? Wow, da kommen wir doch gerne wieder! Brotzeit und Getränke kaufen wir hier gerne. Erstens ist das lecker und zweitens haben wir dann weniger zu schleppen.

Felix in einer der letzten Blockstellen durch die Latschen

Felix in einer der letzten Blockstellen durch die Latschen

Text und Foto: Thomas Rychly

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